Häresie und Inquisition


Häresie und Inquisition
Häresie und Inquisition
 
Seit den Anfängen des Christentums steht der Streit um den richtigen Glauben, die Orthodoxie, im Zentrum der innerkirchlichen Auseinandersetzungen. Als Komplementärbegriff zur Orthodoxie bezeichnet Häresie die Abweichung von der rechten Lehre. Die Fixierung auf die Lehre förderte die Formulierung von Dogmen (= Glaubensformeln), die bald auch die christliche Ethik und die kirchliche Praxis beherrschten. Der Kampf im Namen der wahren Doktrin wurde mit unerbitterlicher Härte und allen zur Verfügung stehenden Mitteln geführt. Nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert die Rolle der Staatsreligion übernommen hatte, riefen wiederholt die verfeindeten christlichen Gruppen wechselseitig die staatliche Gewalt zur Unterstützung und Durchsetzung ihrer Positionen und Interessen an. Um die religiöse und damit auch staatliche Einheit zu wahren, griffen die Kaiser mit Zwangsmitteln in dogmatische und andere innerkirchliche Konflikte ein. Dieses Erbe aus der Spätantike blieb bis in die Neuzeit wirksam; es prägte das Denken und Handeln der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit im Umgang mit den mittelalterlichen Häresien.
 
Zur großen Herausforderung für Kirche und Staat wurden im Mittelalter die nur zum Teil häretischen Volksbewegungen. Diese entstanden als Protest gegen die Anpassung der Kirche an das feudale Herrschaftssystem. In einer am jesuanischen und urkirchlichen Ideal orientierten Hochschätzung der Armut forderten sie zu einem asketischen Bußleben auf. In ihrer Kirchenkritik griffen sie die Anliegen der gregorianischen Reformbewegungen gegen den Ämterkauf und die Priesterehen auf und verbanden sie mit der Kritik am Reichtum und der Macht der Priesterkirche. Die Waldenser, benannt nach Petrus Waldes, forderten darüber hinaus die Laienpredigt und das Bibelstudium in der Volkssprache. Petrus Waldes, ein reicher Textilkaufmann aus Lyon, änderte um 1176 sein Leben radikal; dem apostolischen Leben verpflichtet, zog er als asketischer Wanderprediger durch das Land. Mit seiner Tätigkeit und seinem Anliegen geriet er mit den örtlichen Bischöfen in Konflikt und wurde mit seinen Anhängern aus der Kirche gedrängt. Die Waldenser sahen sich danach gezwungen, die Sakramente durch Laien zu spenden. Entsprechend ihrer asketisch-rigoristischen Lebensführung knüpften sie die Wirksamkeit und Gültigkeit des Sakramentes an die asketische Heiligkeit des Spenders. Sie verwarfen die Heiligenverehrung, die Lehre vom Fegefeuer und das Totengebet. Die zunehmende Verfolgung durch die kirchliche und weltliche Macht trieb sie in den Untergrund und in die geistige Nähe der Katharer (= die Reinen), von denen sich der Begriff »Ketzer« herleitet. Nach der südfranzösischen Stadt Albi wurden die Katharer auch Albigenser genannt.
 
Die Katharer haben traditionsgeschichtlich eine andere Herkunft. Sie standen im Erbe der Gnosis und vertraten einen strengen Dualismus, lehnten das Alte Testament ab und sahen in der sichtbaren Welt und in der Ehe Werke des Teufels. Sie bildeten die erste organisierte Gegenkirche des Mittelalters. Die Katharer konnten in ihrem Hauptverbreitungsgebiet in Südfrankreich (Grafschaft Toulouse, Okzitanien, Provence) mit der Sympathie und Unterstützung der Bevölkerung rechnen. Zur mittelalterlichen Protest- und Armutsbewegung gehörte neben Waldensern und Katharern auch eine Vielzahl von kirchlichen und häretischen Gruppen wie etwa die Beginen und Begarden, franziskanische Spiritualen sowie die Anhänger der Bewegung des freien Geistes. Auch die großen Bettelorden, die Franziskaner und Dominikaner, haben hier ihren Ursprung.
 
Kirche und staatliche Macht gingen nicht nur gegen häretische, sondern auch gegen unliebsame kirchliche Gruppen mit Gewalt vor. Ihr erfolgreichstes Instrument war die Inquisition. Im Jahr 1184 hatte Papst Lucius III. die örtliche Inquisition unter der Aufsicht der Bischöfe zur Ketzerbekämpfung zugelassen. Ihre endgültige Ausgestaltung erhielt sie 1231 unter Papst Gregor IX.. Zeitgleich haben auch weltliche Herrscher wie Kaiser Friedrich II. und der französische König Ketzergesetze erlassen. Denn die Häresie wurde als Verbrechen der Majestätsbeleidigung und der Friedensstörung gleichgestellt. Zur Friedenswahrung konnte daher gegen die Ketzer mit einem Kreuzzug zu Felde gezogen werden. Der Albigenserkreuzzug von 1202 bis 1229 zeigte, dass neben der Häresiebekämpfung auch politische Ziele eine wichtige Rolle spielten. Am Ende des Kreuzzuges konnte der französische König große Teile des Languedoc in seinen Herrschaftsbereich eingliedern.
 
Als der Ketzerkreuzzug nicht den erhofften Erfolg für die Kirche brachte, stattete Papst Gregor IX. die Inquisitionsgerichte mit weitgehenden Vollmachten aus. Die Inquisitoren wurden zu Anklägern und Richtern in einer Person; sie standen unter besonderem päpstlichen Schutz. Gleichwohl kam es wiederholt zu Konflikten zwischen den Inquisitoren und den Bischöfen und Landesfürsten. Konrad von Marburg war nicht der einzige Inquisitor, der eines gewaltsamen Todes starb. Der Papst hatte zunächst die Dominikaner mit der Ketzerinquisition beauftragt. Später übernahmen auch Franziskaner oder juristisch gebildete Laien dieses Amt. Die Inquisitoren ließen ihr Erscheinen vom örtlichen Klerus ankündigen und forderten die Einwohner zur Anzeige möglicher Häretiker auf. Bei Selbstanzeige innerhalb einer bestimmten Frist (meist von 30 Tagen), wurde ihnen eine mildere Behandlung und Strafe in Aussicht gestellt. Den Denunzianten wurde Anonymität zugesichert. Der gesamte Prozessverlauf blieb bis zur Urteilsverkündigung streng geheim. Dem Angeklagten wurden die Beweise, die gegen ihn vorgebracht wurden, vorenthalten. Auch die Namen der Belastungszeugen wurden ihm nicht genannt. So hatte er kaum die Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen. Die Anwendung der »peinlichen Befragung«, der Folter, zur Wahrheitsfindung wurde durch die angeblich teuflische Dimension der Häresie gerechtfertigt. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln musste der Inquisitor die unterstellte teuflische Macht besiegen. Die Folter führte in aller Regel zum gewünschten Geständnis, das erst durch »freiwillige« Wiederholung gültig war. Zeugenbefragung, Ermittlungen und Prozessführung wurden schriftlich festgehalten. Bei der öffentlichen Urteilsverkündigung, dem Autodafé, wurden die hartnäckigen Leugner und Rückfälligen mit dem Tod durch Verbrennen bestraft, die meisten Ketzer zu Gefängnisstrafen verurteilt. Darüber hinaus konnten weitere Bußen, zum Beispiel das Tragen eines mit Kreuzen gekennzeichneten Büßerhemdes, auferlegt werden. Das Vermögen des Häretikers wurde konfisziert und ging je zu einem Drittel an das Inquisitionsgericht, die weltliche Obrigkeit und den Papst. Die päpstlichen Ketzerinquisitionsgerichte verloren ab dem 14. Jahrhundert an Bedeutung. An Stelle der Ketzerverfolgung wandten sich die Inquisitoren später den Hexenverfolgungen zu.
 
Aloys Wener
 
 
Frank, Isnard Wilhelm: Kirchengeschichte des Mittelalters. Düsseldorf 31994.
 
Geschichte der katholischen Kirche, herausgegeben von Josef Lenzenweger u. a. Graz u. a. 31995.
 Grundmann, Herbert: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Darmstadt 41977.
 Lambert, Malcolm D.: Ketzerei im Mittelalter. Eine Geschichte von Gewalt und Scheitern. Aus dem Englischen. Lizenzausgabe Freiburg im Breisgau u. a. 1991.
 
Ökumenische Kirchengeschichte, herausgegeben von Raymund Kottje und Bernd Moeller. Band 2: Mittelalter und Reformation, bearbeitet von Remigius Bäumer u. a. Mainz u. a. 51993.
 Southern, Richard W.: Kirche und Gesellschaft im Abendland des Mittelalters. Aus dem Englischen. Berlin u. a. 1976.

Universal-Lexikon. 2012.

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